Der Norden eröffnete die Bundesligasaison im Kunstturnen der Frauen. Am Samstag, 02. Mai, trafen im schleswig-holsteinischen Großhansdorf alle 16 Mannschaften der 3. Bundesliga Nord und der Regionalliga Nord beim Saisonauftakt aufeinander. Für viele Teams war es der erste Härtetest nach der Wintervorbereitung, zugleich aber auch eine frühe Standortbestimmung im Kampf um Punkte und Tabellenplätze. Dabei stand der Auftakt auch im Zeichen einer sportlich wichtigen Neuerung: In der 3. Bundesliga gilt künftig das 10-4-4-System. Bis zu zehn Turnerinnen bilden das Team, vier gehen pro Gerät an den Start, alle vier Wertungen zählen. Eine Streichnote gibt es damit nicht mehr. Risikomanagement: Sicherheit steht vor Risikobereitschaft an den olympischen Turngeräten. Fehler lassen sich also weniger leicht auffangen, Analyse, Stabilität und Nervenstärke gewinnen zusätzlich an Bedeutung. In der Achterstaffel gingen zunächst die Teams der 3. Bundesliga Nord an die Geräte: Zweitligaabsteiger TuS Wüllen, Eintracht Frankfurt, die TG Kassel, der TSV Buchholz 08, die TG Herkenrath-Troisdorf, die TG Bodenheim-Pflugscheid sowie die beiden Aufsteiger aus der Regionalliga, der KSV Hoheneck und die TSG Backnang. Unser Team hat die Sporthalle im Schulzentrum an der Sieker Landstraße in bester Erinnerung. Der TSV Buchholz 08 holte sich am 18.11.2023 in Großhansdorf ungeschlagen die Meisterschaft in der Nordstaffel der Regionalliga und stand damit als Bundesligaaufsteiger fest.

Der Saisonauftakt am ersten Mai-Wochenende erreichte ein bisher noch nie dagewesenes Top-Niveau. Die Adlerriege von Eintracht Frankfurt hat am ersten Wettkampftag der 3. Bundesliga Nord mit einer Punkt- und Leistungsexplosion zugeschlagen. Die Hessen übertrafen mit 180,35 Punkten eine magische Schallmauer und setzten sich mit mehr als drei Punkten Vorsprung vor dem baden-württembergischen Aufsteiger TSG Backnang (Region Stuttgart) an die Tabellenspitze. Frankfurts Neuzugang Aiyu Zhu (TZ DSHS Köln) prägte den Auftakt mit herausragenden 50,50 Punkten und verdiente sich mit phänomenalem Vorsprung das Top-Scorer-Shirt. Dahinter überzeugte Backnang mit 177,35 und meldete sich direkt mit einem Ausrufezeichen in der neuen Liga an. Der Zweitligaabsteiger TuS Wüllen hielt mit 171,30 den Anschluss und blieb ebenso im vorderen Feld wie der TSV Buchholz 08, der nur winzige vier Zehntelpunkte zurücklag. Chapeau. Bodenheim-Pflugscheid (165,40) blieb in Reichweite, ehe sich dahinter ein erstes Gefälle abzeichnete. Kassel (159,85) und Herkenrath-Troisdorf (157,00) konnten das Niveau der Spitzengruppe nicht halten, Aufsteiger KSV Hoheneck (147,45) blieb zum Auftakt ganz ohne Zähler. Der Auftakt lässt eine klare Struktur für die neue Saison erahnen: Frankfurt setzt sich mit großer Breite und individueller Klasse an die Spitze, Backnang hat die nötige turnerische Klasse, um im Aufstiegskampf ein Wörtchen mitzureden und etabliert sich sofort als erster Verfolger. Wüllen bleibt als Absteiger mit Zweitligaerfahrung in Schlagdistanz. Im Gegensatz zu anderen Mannschaften, die frühere Erstliga-Asse oder Spitzenturnerinnen aus dem Ausland ins Team holen, baut der TSV 08 auf „Eigengewächse“ und Talente aus der heimischen Region.

Unser Team, im Übrigen ein reines „Amateur-Bundesligateam“, überzeugte mit einer altersgemischten Zusammensetzung um die routinierten Maria Heitmann, Sarah Kleinjnecht, Virgenie ten Voorde, Finja Säfken, Lisa Unger, Daria Hofmann, Emma Schruhl, der 17-jährigen Juliane Grunwald, der zwei Jahre jüngeren Ellen Linh Tran, der 13-jährigen Vladyslava Ozinkovska und dem erst zwölf Jahre alten „Küken“ Vienna Lüdders. Wenn Jung und Alt mit ausgeprägtem Teamspirit, Trainingsfleiß, Erfahrungswissen und einem hohen technischen Know-how zusammenarbeiten, ergänzen sich diese Fähigkeiten auf das Beste. Das 08-Quartett erwischte einen fehlerlosen Start am Auftaktgerät Sprung (4. Platz), einen guten zweiten Gerätedurchgang am Stufenbarren (4. Platz) und ließ einen durchwachsenen Auftritt am Schwebebalken als die fünftbeste Mannschaft folgen. Den megastarken Durchgang auf der Bodenfläche (44,20) schloss unsere Riege als das zweitbeste Quartett ab. Lisa Unger (28) kam unter den 52 Bundesligaturnerinnen im Gesamtklassement mit 43,20 Punkten als starke Sechste ins Ziel und Ellen Linh Tran positionierte sich mit 42,80 Punkten auf dem siebten Rang. Kleines Planungs-Missgeschick: Ellen Linh Tran, seit Jahresanfang im Auslands-Halbjahr in Großbritannien, hat sich nach längerer Bus-Anreise erst am Flughafen in London an Folgendes erinnert: Das Vereinigte Königreich ist offiziell aus der Europäischen Union ausgetreten (Brexit). Somit benötigt auch eine Fünfzehnjährige einen Reisepass. Also „Kehrt marsch“ und das entsprechende Aus-/Einreisedokument geholt! Ellen war letztlich pünktlich am Freitag auf dem HH-Airport Helmut Schmidt gelandet und lieferte beim Wettkampf am Boden (11,25) für ihr Team die Höchstnote ab. Entsprechend zufrieden war Teamkapitänin Maria Heitmann: „Der Wettkampf war ein guter Einstieg in die Saison mit vielen tollen Leistungen. Besonders Lisas Sprung (12,40) und das gelungene Debüt von Vienna am Stufenbarren (10,20) haben mich sehr gefreut. Dazu Vladas Barrenübung (10,25), die alle Anforderungen des CdP erfüllt – wow. Auch das System ohne Streichwertung haben wir gut gemeistert.“ Trainerin Meike Scholz stellt beim gelungenen Start die geschlossene Teamleistung in den Vordergrund und ergänzt: „Wir freuen uns auf die nächsten Wettkämpfe und sind stolz, so gut mit den starken Mannschaften mithalten zu können.“ Der zweite DTL-Wettkampftag findet am 28. Juni in Koblenz/Asterstein statt.

Bernward Bade

Gelungener Saisonstart, hinten, v. l.: Lisa Unger, Maria Heitmann, Sarah Kleinknecht, Finja Säfken, Virgenie ten Voorde, Daria Hofmann, Emma Schruhl und vorne v. l. Meike Scholz, Tracie Ang, „Vlada“ Ozinkovska, Vienna Lüdders, Ellen Linh Tran, Juliane Grunwald und Katharina Kort (Foto: Lu Tran).

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